„Die Sprache der Seele ist die der Bilder. …Sie verschafft uns Zugang zu dem unbegrenzten Reichtum unserer inneren Welt, einschliesslich unseres Unterbewussten, das natürlich auch nur über Bilder zu erleben ist. …In diesem Sinne ist die Seelen-Bilder-Sprache unsere eigentliche Muttersprache und noch vor der Sprache des Intellekts einzuordnen. Wir sollten sie neuerlich sprechen und verstehen lernen. …Die besondere Bilderproduktion ist so etwas wie das Verdauungssystem der Seele. Fortwährend nehmen wir durch unsere Sinne äussere Bilder auf, schöne und schreckliche. Sie (die Seele) nimmt auf, bearbeitet und verarbeitet, ordnet, verwandelt und bewegt Eindrücke, Erinnerungen, bewusste und unbewusste Wahrnehmungen und Erkenntnisse. 

Auch wer bisher noch keine Erfahrung mit der „Bildertherapie“ gemacht hat, ist täglich – oder besser gesagt nächtlich – in Kontakt mit dem Bildermeer seiner Seele. Jede Nacht erinnert der Seele im Traum an ihre für uns moderne Menschen so schwer fassbare Existenz. Hier zeigt sie uns, wie mächtig sie ist im Vergleich zu unserem kleinen Tagesbewusstsein. …Jeder Traum stellt unsere innere Wahrheit und Wirklichkeit so dar, wie sie ist, und nicht, wie wir sie haben möchten. Jeden Traum kann man deshalb auch als Botschaft der Seele auffassen, um uns andere bedeutungsvolle Standpunkte und Erkenntnisse anzubieten. Träume und ihre Inhalte sind dabei eher wertfrei. Sie zeigen und sagen nicht, was der Träumer tun muss, sondern zeigen vor allem an, was in der momentanen existenziellen Situation des Träumers ist. Dabei sind sie unbestechlich der inneren Wahrheit des Träumers verpflichtet. Sie offenbaren, was ist – ohne Bewertung, Beurteilung oder Kritik. 

Der seelische Schatten verbirgt wie gesagt unsere grössten inneren Schätze und Talente. Sie warten dort geduldig, gehoben zu werden. Die einfachste und wirkungsvollste Art, sich in das Bilderreich der Seele zu begeben, ist die der bewussten Imagination. Diese benötigt als Einstieg eine Phase der Entspannung, die zu Ruhe und Gelöstheit führt,…um das Eigentliche geschehen zu lassen. 

Jedem aktiven Tun und Machen im Sinne von einem Etwas-erreichen-wollen entzieht sie sich. Ist dieser Zustand des passiven Zulassens eingetreten, bietet der Therapeut dem Patienten in Form eines symbolischen Bildes das Eingangstor ins Reich der Seele an. In diesem Reich der unbegrenzten Möglichkeiten wird nun in jedem Fall eine wundervolle Reise beginnen, die den Patienten die Schätze seines inneren Reichtums nicht nur erkennen, sondern auch erleben, erspüren und erfahren lässt. Mit jeden Mal fällt der Eintritt leichter, der Zugang wird einfacher und der schöpferische Umgang mit den mitgebrachten Problemen besser. Echte Lösungen werden geboren, vor allem in dem Mass, wie es dem Suchenden gelingt, seinen ersten aufsteigenden Gedanken wahr- und wichtig zu nehmen. Im ersten Augenblick und ersten Gedanken liegt ein sehr grosser, nicht hoch genug zu schätzender Zauber und Charme. …“ (1)


(1) Rüdiger Dahlke, „Das Schatten-Prinzip“ – Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite, arkana Verlag, München, 2010.